ÖSTERREICHISCHE KANONISTEN DES 20. JAHRHUNDERTS

Jede Wissenschaft findet auf dem Hintergrund ihrer bisherigen Geschichte statt. Die Besinnung auf die Geschichte kann zu einer Bewußtseinsschärfung führen; sie kann die historische Bedingtheit herkömmlicher Fragestellungen verdeutlichen und damit auch zu einer Offenheit für neue Fragen führen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts sind einige Versuche einer Bestandsaufnahme gemacht worden (z. B. auf dem XI. Kongreß der Consociatio Internationalis Studio Iuris Canonici Promovendo im Jahr 2001 in Budapest), die „das kanonische Recht zu Beginn des dritten Jahrtausends“ (Archiv für katholisches Kirchenrecht 170 [2001]) zum Gegenstand hatten. Das 625-Jahr-Jubiläum der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien war Anlaß dafür, Rechenschaft über die Arbeit (auch) der Kirchenrechtswissenschaft seit dem letzten Jubiläum zu geben.

In Fortführung dieser Bemühungen soll das Forschungsprojekt „Österreichische Kanonisten des 20. Jahrhunderts“ die wissenschaftliche Leistung derjenigen dokumentieren, die für die Kirchenrechtswissenschaft in diesem Zeitraum prägend waren. Es geht sowohl um die Persönlichkeit der Kanonisten und ihren Werdegang als auch um ihre zentralen wissenschaftlichen Interessen.

Leitung: Univ.-Prof. DDr. Ludger Müller

 

KIRCHLICHES SANKTIONS- UND VERFAHRENSRECHT

Das kirchliche Sanktionsrecht (zumeist „Strafrecht“ genannt) hat in der Zeit nach der Promulgation des Gesetzbuchs der Lateinischen Kirche im Jahr 1983 vielfach Interesse auf sich gezogen, weil es sich hier um einen Bereich handelt, in dem die spezifische Eigenart des kanonischen Rechts besonders deutlich wird. Handelt es sich um eine Rechtsmaterie, wie sie in jeder Rechtsgemeinschaft, in jedem Staat, sogar in jedem Verein notwendig ist? Ist der Ausschluß von geistlichen Gütern überhaupt eine Strafe im allgemein üblichen Sinn?

Gerechtigkeit ist zu einem erheblichen Teil auch eine Frage des Verfahrens. Es geht immer auch darum, in welcher Weise mit Menschen umgegangen wird und ob die Chance besteht, daß in einem geordneten, durchsichtigen Verfahren festgestellt wird, was Recht ist und was nicht. Insofern geht es beim kanonischen Verfahrensrecht, das im wesentlichen das gerichtliche Verfahren regelt, um einen zentralen Bereich des Rechtsschutzes in der Kirche.

Kirchliches Sanktions- und Verfahrensrecht wurden in diesem Forschungsvorhaben als konkrete Anwendungsbereiche einer „Theologie des Kirchenrechts“ behandelt. Zum kirchlichen Sanktionsrecht wurden im Zusammenhang mit der vom Wiener Institut für Kanonisches Recht konzeptionell vorbereiteten Tagung „‚Strafrecht‘ in einer Kirche der Liebe – Notwendigkeit oder Widerspruch?“ (Bamberg 2004) bereits einige Vorarbeiten geleistet. Dem kirchlichen Verfahrensrecht hat sich die Tagung der deutschsprachigen Kirchenrechtler unter dem Titel „Rechtsschutz in der Kirche“ im Frühjahr 2010 in Wien zugewendet.

Die Ergebnisse der Bemühungen um kirchliches Sanktions- und Verfahrensrecht sind eingegangen in das Lehrbuch des Kirchenrechts von Winfried Aymans, Klaus Mörsdorf und Ludger Müller (unter Mitarbeit von Christoph Ohly) „Kanonisches Recht“, Band IV: „Vermögenrecht, Sanktionsrecht Verfahrensrecht“, mit dem die 13. Auflage dieses großen Lehrbuchprojekts im Jahr 2013 abgeschlossen zu sein schien. Zwischenzeitlich hat Papst Franziskus eine umfassende Reform des kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahrens durchgeführt, die Gegenstand eines Ergänzungsbandes zum Lehrbuch von Aymans – Mörsdorf – Müller ist. Die Reform des kirchlichen Sanktionsrechts ist schon seit Jahren in Arbeit, so daß auch bezüglich des Sanktionsrechts die Notwendigkeit einer weiteren wissenschaftlichen Arbeit bestehen wird.

Leitung: Univ.-Prof. DDr. Ludger Mülle

KIRCHLICHE RECHTSSPRACHE

Das Gesetzbuch der Lateinischen Kirche, der CIC von 1983, normiert in seinem c. 17 als Grundregel zur Interpretation kirchlicher Gesetze: „Kirchliche Gesetze sind zu verstehen gemäß der im Text und im Kontext wohl erwogenen eigenen Wortbedeutung“. Hieraus ergibt sich als zentrale Aufgabe des Kanonisten, die Bedeutung der im kanonischen Recht verwendeten Begriffe zu ermitteln – eine Bedeutung, die sich auch aus dem Kontext ergibt. Diese Aufgabe hatte sich – bezogen auf den CIC von 1917 – bereits Klaus Mörsdorf in seiner theologischen Dissertation gestellt, die von der Theologischen Fakultät München im Jahr 1937 als Preisschrift ausgezeichnet wurde. Was Mörsdorf hier begonnen hat, soll in einem längerfristigen Forschungsprojekt aufgrund beider kirchlicher Gesetzbücher, des Codex Iuris Canonici von 1983 und des Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium von 1990, fortgesetzt werden. Die Vorbereitung der notwendigen Hilfsmittel mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung ist schon weit vorangeschritten.

Leitung: Univ.-Prof. DDr. Ludger Müller